Leseprobe Cuba, Castro y Comercio

Cuba sí, Yanki no

 

Von Kuba wusste ich, dass dort Zucker erzeugt wird, aus Zuckerrohr. Und ich hatte auch von den bärtigen Kriegern gelesen, die von den Bergen herabgestiegen waren und die Regierung in Kuba übernommen hatten. Kommunisten waren sie nicht, und da meiner marxistisch-leninistischen Ausbildung entsprechend alle Bewegungen in ein Schubfach gehörten, waren sie Rebellen, die den bürgerlichen Staat demokratischer und unabhängiger und die Gesellschaft sozialer machen würden, wenn sie sich auf dem Wege dorthin nicht korrumpieren ließen. In meiner Arbeit bei Feinmechanik – Optik spielte der ganze lateinamerikanische Kontinent keine Rolle. Ab und zu schickte der emigrierte Jude Winter aus Caracas eine Bestellung für ein paar Bunsenbrenner mit haargenauen Instruktionen zur Wahl des Spediteurs, aber eine Nachkalkulation der cif La Güeira abgefertigten Sendungen hätte wohl ergeben, dass uns dies Geschäft mehr kostete als einbrachte. In Kolumbien steckten wir gerade die ersten Senker  in den Boden – das wars dann schon. Kuba existierte in meiner kaufmännischen Vorstellungswelt überhaupt nicht. Allerdings hatte uns die hauseigene Abteilung Handelspolitik irgendwann im Frühjahr informiert, dass zwischen dem Banco Nacional de Cuba und der Deutschen Notenbank ein Verrechnungsabkommen abge-schlossen wurde, aber Verrechnungsabkommen hatte die DDR auch mit vielen anderen kapitalistischen Ländern, mit Island und Uruguay, zum Beispiel, ohne dass sich deshalb Kunden von dort für Feinmechanik – Optik interessiert hätten.

 

An einem der ersten Julitage des Jahres 1960 rief mich der neue Generaldirektor Erhard Deutsch zu sich, das war aufregend für einen gerade gekürten Verkäufer wie mich und noch nie vorgekommen. Der kubanische Nationalbankpräsident Guevara hatte „in der DDR“ angefragt, ob wir ein Krankenhaus aufbauen könnten. Er, Deutsch, hätte unseren Kaderleiter gefragt und erfahren, ich, der Kollege Lemke, sei im Unternehmen der Einzige, der außer dem betagten Chefdolmetscher „Papa“ Sels Spanisch gelernt hätte. Deshalb müßte ich zur Aufklärung dieses Bedarfsfalles nach Kuba fliegen. Aber von Krankenhäusern verstünde ich nichts, war meine Antwort. Darauf Deutsch: Deshalb geben wir Dir einen Unterstützer mit, aber der kann nur deutsch.

 

Ich weiß fast nichts mehr davon, was mir in den Tagen bis zum 19. Juli 1960 geschah. Wenn ich wirklich im Länderbereich des MAI vorgesprochen habe, dann ist nur eines sicher: Über die politische Situation in Kuba habe ich dort nichts erfahren. In Kuba würde ich ankommen wie ein „tumber Tor.“

In der Friedrichstraße gab es in einem völlig freistehenden Haus ein an Schmucklosigkeit und armseliger Präsentation nicht zu überbietendes Stadtbüro der KLM, der Royal Dutch Airlines. Die KLM war nach Ansicht unserer Reisestelle die einzige europäische Fluglinie, die Havanna anflog. Im Stadtbüro erfuhr ich nur, dass ich ohne ein gültiges kubanisches Einreisevisum nicht aus Amsterdam abfliegen dürfe. In der DDR gab es keine kubanische Botschaft, in Westberlin auch nicht. Die Reisestelle wusste eine Lösung: Ihr fliegt – inzwischen stand fest, dass mich der Experte Achim Haeßner aus der Deutschen Handelszentrale für Pharmazie- und Krankenhausbedarf begleiten sollte – nach Amsterdam und besorgt Euch dort das Visum. Wir planen für Euch zwei Aufenthaltstage in Holland ein, die müssten reichen. Holland ist NATO-Land, in NATO-Ländern dürfen DDR-Bürger ohne Visum die Transiträume der Flughäfen nicht  verlassen, aber die KLM hat zugesichert, dass sie Euch eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Tage besorgt. Und nur unter dieser Bedingung haben wir überhaupt bei der KLM gebucht.

 

In meinem Außenhandelsunternehmen war noch nie jemand in Kuba gewesen, von dem uns angeschlossenen VEB Carl Zeiss Jena auch nicht. Doch Zeiss hatte immerhin einen Provisionsvertreter in Kuba, Óptica Capri, einen kleinen Krauter und Brillenhändler. Aber wie es in Kuba zugeht, wusste auch Zeiss nicht. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich zu trauen.

Bei der Ankunft in Amsterdam wurden Achim Haeßner und ich an der Passkontrolle ausgesondert. Der Grenzbeamte schien Instruktionen zu haben: Wer mit KLM anreist (das war bei uns der Fall, deshalb waren wir über Prag gekommen und nicht direkt mit den Polen geflogen), den Weiterflug mit KLM gebucht hat und ohne Visum ist, ist der Obhut der KLM zu übergeben. Er drückte also einer herbeigerufenen Ground Hostess unsere blauen DDR-Reisepässe in die Hand. Die junge Dame wies uns in das Hotel Polen in der Kalverstraat ein, gab uns Bustickets und klärte uns auf, dass Amsterdam nicht die Hauptstadt der Niederlande sei und sich die ausländischen Botschaften in Den Haag befänden. Übermorgen Vormittag sollten wir wieder hier an ihrem Glaskasten stehen. Eigentlich müsste sie unsere Reisepässe bei sich behalten, aber die brauchten wir ja schließlich, damit man uns das Visum hineinstemple. Sie schloß deshalb ersatzweise unsere Flugtickets bei sich als Pfand ein. Dann waren wir entlassen.

 

Mit dem Zug fuhren Achim Haeßner und ich am folgenden Morgen nach Den Haag und fanden nach einigen Irrungen die kubanische Botschaft. Sie war geschlossen, niemand öffnete. Endlich erschien eine Putzfrau. Unter Aufbietung all unseres Charmes entlockten wir ihr: „Botschafter weg. Exil. Nur noch ein Sekretär da. Kommt vielleicht heute noch.“ Tatsächlich, er kam noch und beanstandete erst einmal, dass wir keine Verbalnote der Regierung der DDR mit der Bitte um Erteilung der Visa vorlegen konnten. Unsere hochstapelnde Mitteilung, dass uns der Comandante Ernesto Guevara persönlich eingeladen hätte, weil er über die Lieferung eines Krankenhauses mit uns reden wolle, schien den Sekretär eher negativ zu beeindrucken. Am Nachmittag sollten wir wiederkommen. Das zwang uns die Zeit totzuschlagen, und wir fuhren mit der Straßenbahn nach Scheveningen an den Strand. Ob der Botschaftssekretär nun Drahtverbindung mit Havanna gehabt hatte oder nicht: Er erteilte die Visa. Am nächsten Tag, dem 21. Juli, flogen wir um 10.50 Uhr mit einer Lochheed Super Constellation der KLM nach Curaçao ab. Die Aussicht auf die Erlebnisse der kommenden zwei Tage begann mich zu berauschen. Wer war ich denn, dass ich solch ein Abenteuer verdiente – nach Südamerika fliegen? Jede Zwischenlandung auf dem windigsten Flugplatz war willkommen, doch ich musste mich immer wieder am Ohrläppchen zupfen: Junge, du bist jetzt in Lissabon. Und jetzt landest du auf den Azoren, auf der Insel Santa Maria – wie das schon in den Ohren klang: Santa Maria ...

Die Super Constellation L – 1649 A Starliner, eine der letzten Schöpfungen des Propellerzeitalters, transportierte, wenn ich mich recht erinnere, kaum mehr als 100 Passagiere. Mit Zusatztanks an den Tragflächenenden ausgerüstet, hatte sie eine Reichweite von etwa 7.700 km und beflog die Atlantikrouten. An Bord herrschte eine eher familiäre Atmosphäre. Es machte Freude, die kleinen Speisekarten zu studieren, deren Umschläge holländische Trachtenbilder schmückten. Als die Morgensonne durch das Kabinenfenster hereinschien, wurden knusprige Croissants und duftende Rühreier serviert, und nun lockte die erste Zwischenlandung auf dem Kontinent: Caracas, und eine Stunde später rollte die Maschine vor das kleine Flughafengebäude von Willemstad auf Curaçao, Niederländische Antillen. Tropische feuchte Wärme umfing uns. Hier auf Curaçao sollten wir übernachten, und das war wieder so perfekt organisiert. „Mr. Lemke and Mr. Hasner! Your vouchers, please!“ Ein großer weiß-roter Umschlag wurde uns in die Hand gedrückt: „Sie wohnen im Intercontinental Waterfront Hotel. Bitte nehmen Sie dorthin ein Taxi auf Kosten der KLM.“ In so einem Hotel hatte ich in meinem Leben noch nicht gewohnt. Aus meinem Fenster sah ich über die Wassermauer des Hotels hinaus auf das Karibische Meer und hinüber zur Hafeneinfahrt. Der nach unten gerichtete Blick fiel auf einen Swimming Pool von olympischen Ausmaßen. Im großen Speisesaal des Hotels beging der Rotary Club an diesem Abend ein Jubiläum, doch da sich die KLM zur Beköstigung von Mr. Lemke und Mr. „Hasner“ verpflichtet hatte, wurden wir kurzerhand der geschlossenen Gesellschaft der Rotarier zugeschlagen, befolgten den dezenten Hinweis des weiß befrackten Maitre d’Hotel, ein Oberhemd und eine Krawatte anzulegen, und genossen dann ein an Glanz und Üppigkeit kaum zu überbietendes kaltes und warmes Festbuffet mit Fischen und Meeresfrüchten, und auch das hatte ich noch nie erlebt, diese Vielfalt aus Langusten, Krebsen, Garnelen ...  Am Morgen des 21. Juli setzten wir unseren Flug fort: Zuerst mit einer DC 7 mit Destination Aruba - New York. Dann ab Aruba mit einer DC 6 mit Zielflughafen Miami, die noch einmal in Kingston (Jamaica) zwischenlandete, wo uns ein kühler Planters Punch kredenzt wurde. Dann kam die Küste der Provinz Oriente in Sicht: Kuba. Wir landeten in Havanna, Flughafen Rancho Boyeros. Ich war so aufgeregt, das ich das nutzloseste Kleidungsstück, das ich mitführte, liegenließ, einen hellen Sommermantel. Als wir die Gangway hinuntergingen und uns zum ersten Mal die feuchtheiße Luft der Karibikinsel umfing, spielte auf dem Rollfeld eine Folklorekapelle die Guantanamera.

 

Das hatte mir die Reisestelle noch gesagt: Wir sollten versuchen, im Hotel Riviera abzusteigen. Der Taxifahrer hatte andere Vorschläge, ehe wir uns im Hotel niederließen, sollten wir erst einmal einen Begrüßungsbesuch im Blue Moon machen. Den Vorschlag, den Blauen Mond zu besuchen, hörte ich in den nächsten Tagen noch oft und wusste dann auch, dass dort viele bildhübsche Damen darauf brannten, mir Gesellschaft zu leisten. Aber so unmittelbar nach der Ankunft war ich doch ganz von dem Gedanken erfüllt, wie ich wohl meinen „Kampfauftrag Krankenhaus“ erfüllen sollte. Als sich in Feinmechanik – Optik herumzusprechen begonnen hatte, wohin meine Reise gehen sollte, hatten mir fast alle Exportkontore Verkaufsunterlagen und Preislisten in die Hand gedrückt: „Sieh zu, ob Du das an den Mann bringen kannst.“ Ich war also mit Aufträgen bepackt. Doch ich hatte keine Ahnung, wo ich den Hebel ansetzen sollte. Allergrößten Kummer bereitete mir schon in den ersten Augenblicken nach der Landung, dass in Kuba anscheinend ein anderes Spanisch gesprochen wurde, als ich es gelernt hatte: Ich verstand die Einreisebeamten nicht, ich begriff das Meiste nicht, was der Taxichauffeur mir klarmachen wollte, und an der Carpeta des Hotels Riviera bekam ich einfach nicht heraus, was unsere Zimmer kosten sollten. Ich verstand, dass der Preis etwas mit der Freundschaft zwischen unseren Völkern zu tun haben sollte, aber mehr auch nicht. Solch ein elegantes, in allem weiträumig, großzügig und licht angelegtes Hotel hatte ich noch nie gesehen. Der Fahrstuhl glitt lautlos nach oben und von irgendwoher tönte weiche Musik an mein Ohr: Música indirecta, beruhigend, nervenstärkend.

Noch ehe ich einen Blick aus dem über die ganze Außenfront meines Zimmers reichenden Fenster geworfen hatte, schockte mich die Preistafel an der Innentür meines Zimmers: So viel Geld hatte ich nicht, solch ein kostspieliges Zimmer konnte ich mir nicht leisten. Zurück zum Empfang: Wie der Preis des Zimmers sei? Jetzt begriff ich, und ein Stein fiel mir vom Herzen: Für die Compañeros aus den Freundesländern galten andere, niedrigere Preise. Der an den Innentüren angeschlagene Zimmerpreis galt aber sicher für die schöne Mulattin, die samt zwei rollenden Kleiderständern voller Garderobe zur selben Zeit eincheckte und den aufmerksam zuschauenden Señores Märchen aus 1001 Nacht versprach.

Nachdem ich den Zimmerpreis verifiziert hatte, konnte ich beruhigt aus dem Riesenfenster meines Luxuszimmers schauen: Der leuchtend blaue Golf von Mexiko breitete sich vor meinen Augen aus. Mit meinem Reisegefährten Achim hatte ich verabredet, dass wir zuallererst einmal aus unseren klebrigen Anzügen steigen und schwimmen gehen wollten. Wir beobachteten, wie es andere Gäste hielten: Man fuhr in Badekleidung, ein Handtuch aus dem eigenen Zimmer über die Schulter gelegt, in einem gesonderten, mit Korkplatten ausgekleideten Fahrstuhl nach unten. Es war schon später Nachmittag, und der Pool war belebt. Viele Badegäste standen bis zum Bauch im Wasser am Poolrand und hatten eisgekühlte Getränke vor sich stehen, die auch ich bald kennenlernen sollte: Daiquirís, Mojitos, Cuba Libres. Mein Gefährte Achim und ich tauschten halblaut unsere Eindrücke aus über eine Welt, die wir noch nicht kannten, als der uns am nahesten stehende Bademann und Rumtrinker den Kopf zu uns drehte und fragte: Kommt Ihr aus Berlin? Ja ... Ich heiße Buntrock, bin von Elektrotechnik. Ich kann Euch dann ein paar Hinweise geben. Aber jetzt bestellt erstmal etwas zu trinken, die schreiben Euch das auf die Hotelrechnung. Jetzt sah die Welt schon ganz anders aus.

Buntrock empfahl, am nächsten Tag zuallererst einen Besuch im Banco para el Comercio Exterior, in der Außenhandelsbank, zu machen. Das sei so etwas wie Außenhandelsministerium, Außenhan-delsbank und Außenhandelsunternehmen in einem.

Die hätten so etwas ähnliches wie Warenbereiche, da sollten wir erst einmal erklären, warum wir hergekommen seien. Buntrock riet uns, außerhalb des Hotels zu essen, „Hot Dogs“ an einem der preiswerten Kioske in Hotelnähe, Taxis sollten wir nicht am Hoteleingang, sondern eine Straße weiter anheuern. Und der Blue Moon wäre nicht das Richtige für unseresgleichen. Was Buntrock für uns getan hatte, war Gold wert. Von nun an würden wir auf eigenen Beinen stehen können.

Den nächsten Tag konnte ich kaum erwarten. Nach dem Frühstück mit vielen Säften, die ich noch nie getrunken hatte: Tamarindo, Mango, Guayaba, ließen wir uns zum Edificio Ambar Motors, dem früheren Verwaltungssitz von General Motors Cuba, fahren, dort saß „Bancex“, die Außenhandelsbank. Zu meiner unendlichen Erleichterung verstanden sie mein Spanisch dort, und wir wurden erst zu einem kugelrunden und etwas blasierten Abteilungsleiter namens Ariel H. Picot gebracht.

 

Was Buntrock uns nicht hatte erklären können, weil er es selbst noch nicht wusste oder richtig einordnen konnte: Genau um diese Zeit war der Banco para el Comercio Exterior, „Bancex“ abgekürzt, in revolutionäre Hände gelangt. Che Guevara hatte die Notwendigkeit erkannt, den Außenhandel zu monopolisieren. Er berief den Comandante Alberto Mora Becerra und den früheren Leiter der Parteischule der Sozialistischen Volkspartei Jacinto Torras de la Luz in die Leitung der Bancex, ebenso Raúl Maldonado. Maldonado gehörte zu einer kleinen Gruppe von Wirtschaftsexperten, die die Kommunistische Partei Chiles den Kubanern zur Hilfe gesandt hatte.

 

Ariel H. Picot reichte uns mit der Begründung, für alles Medizinische seien die Doctoras Loret de Mola und P....... verantwortlich, an zwei ansehnliche junge Damen weiter. Die erste trug ein Sommerkleid, die zweite eine zu knapp geratene olivgrüne Milizuniform und hatte ein mit Perlmutt beschlagenes Revolverchen vor sich auf dem Tisch liegen. Warum es nicht zugeben: Die Uniformierte gefiel mir vom ersten Augenblick an ausnehmend gut. Sie war eine schon einmal blutverdünnte Mulattin und hatte eine herrliche milchkaffeefarbene Haut. Ihr Vorname war leicht zu merken: Wie der erste Buchstabe des griechischen Alphabets: Alfa. Später erfuhr ich: Sie war Ärztin und hatte ihre erste Bewährungsprobe im Ministerio para la Recuperación de Bienes Malversados hinter sich, das ließ sich mit „Ministerium für die Wiedererlangung veruntreuten Volksvermögens“ übersetzen. Für die Compañera Alfa schien die Situation auch ganz neu zu sein, Abgesandte aus dem Morgenland waren ihr bisher noch nie zugeführt worden, und von Vertrauensseligkeit konnte bei ihr keine Rede sein. Sie begann erst einmal herumzutelefonieren. Ihre Rücksprachen schienen befriedigend verlaufen zu sein, sie schrieb uns eine Adresse in Hafennähe auf und zwei Namen, da sollten wir zuerst vorsprechen, und wenn das geleistet wäre, noch einmal zu ihr kommen. Wir würden noch für anderes gebraucht.

 

Meine Besprechung mit der Doctora Alfa war glatt gegangen – ich hatte ihr Spanisch gut verstanden und sie meines offensichtlich auch. Wenn ich nun von Mal zu Mal mit meinem Spanisch besser zurecht kommen sollte, so rätselte ich doch an vielen Redewendungen oder Ausrufen herum, und das mitgeführte Wörterbuch gab oft keine schlüssige Auskunft. Als ich nach der ersten Begegnung mit der hübschen Mulattin Alfa einem Kubaner mein Entzücken über den gehabten erfreulichen Anblick kundtat, sagte dieser „Te gusta quemar petroleo!?“. Wörtlich übersetzt hieß das: „Es gefällt Dir wohl, Petroleum anzustecken!?“ Geradezu irritiert war ich über die ständige Benutzung der offensichtlich vertraulich-fröhlichen Anrede „Coño!“ Laut Langenscheidt war das ein vulgärer Ausdruck für das weibliche Organ, aber da es selbst hochgestellte wohlerzogene Persönlichkeiten fortwährend in ihre Rede einflochten, kam ich dahinter, dass es im lockeren Gespräch unter Männern so viel hieß wie: „Alter Junge“ oder „Kumpel“.

 

Als unsere Taxe am angegebenen Platz ausrollte sahen wir: Hier hatten wir es mit einer militärischen Kommandostelle zu tun, der Eingang wurde von zwei Marinesoldaten unter Maschinenpistole bewacht. Wir mussten lange warten, ehe wir zu zwei hochrangigen Militärs geführt wurden, die sich bald als Chefs des Gesundheitsdienstes der Revolutionären Streitkräfte zu erkennen gaben und erklärten, warum man uns ins Land gerufen hatte. Die Armee Batistas hatte in Osthavanna ein modernes Krankenhausgebäude, das Hospital Militar, errichten lassen. Aber als das Regime im Januar 1959 abtrat, war gerade mal der Bau vollendet, alle früher mit Lieferanten in den USA abgeschlossenen Verträge über die Ausrüstungs-lieferungen seien aber hinfällig, und nun suche man nach einem neuen Einrichter, einem, der das ganze Ding komplett aus einer Hand und zu einem Preis zusammengerechnet liefern könne, und dazu auch noch dalli, dalli. Die uns gegenübersitzenden Männer Aesculaps waren interessante Leute, Professor Vidal Yebra und Dr. Oscar Fernandez Mell, ein revolutionärer Orthopäde. Besonders Vidal suchte in den kommenden Tagen immer wieder das Gespräch mit uns, fachlich war vieles zu besprechen. Aber mehr noch ging es ihm darum, seine Seele zu offenbaren und uns, den Abgesandten aus einem Land, in dem es schon eine Weile Sozialismus gab, nach Zukünftigem zu fragen. Vidal war gläubiger und bekennender Katholik und zugleich überzeugter Revolutionär. Aber würde das auch zukünftig zusammengehen? Hatten die Kirchenfürsten Kubas Recht, wenn sie ankündigten, die Revolution würde über kurz oder lang Schluss mit allen religiösen Freiheiten machen und den Glauben bekämpfen? Wir versuchten, Vidal den Zweifel zu nehmen, aber auch nahe bei der Wahrheit zu bleiben, das war gar nicht einfach. Fernandez, der gelernte Orthopäde, hatte mit der Rebellenarmee gekämpft, der hatte keine Zweifel.

 

Er würde später noch ein paar Mal meinen Weg kreuzen, bald schon des erste Mal in Berlin. Er wechselte später ganz in die Politik, eine Zeitlang war er Oberbürgermeister von Havanna.

 

Gemeinsam fuhren wir nach Habana del Este zum Militärhospital, das später übrigens der ganzen Bevölkerung offenstand. Im Krankenhaus war wirklich alles fertig, sogar die zentralen Versorgungsleitungen waren installiert, die Leichenkammer konnte schon gekühlt werden, doch das Einzige, was schon richtig in Betrieb war, war die Cafetería. Jetzt lief Achim Haeßner zu großer Form auf, und ich war als sein Dolmetscher nicht selten überfordert. Achim Haeßner erkannte aus den Grundrissen die Bestimmung der einzelnen Räumlichkeiten, bestimmte die Operationssäle und den Bettenbedarf, und die Militärs ergänzten seine Annahmen durch kubatypische Anforderungen. Ein, zwei Tage würden wir noch brauchen und mit weiteren für die Arbeit im Krankenhaus ausgewählten Ärzten sprechen und uns dazu an den Ort des Geschehens begeben müssen. Sogleich wurde uns ein Buick, ein Riesenschlitten, personengebunden zur Verfügung gestellt, mit einem farbigen Sargento als Fahrer, der kohlrabenschwärzer nicht hätte sein können. Wir erlangten alle Angaben für ein Angebot, mussten aber ankündigen, dass dann, in etwa drei Monaten, die Arbeit erst noch einmal losgeht und die DDR-Seite dazu mindestens ein Dutzend Spezialisten einfliegen muss.

 

Unsere Einsatzleiterin im Bancex, Alfa, schickte uns weiter: Die Revolution habe viel vor im Gesundheitswesen, auf dem Lande müssten jetzt Landkrankenhäuser und Arztstützpunkte errichtet werden. Sie legte uns nahe, das Gesundheitsministerium und das Nationalkranken-haus aufzusuchen und Kontakt mit dem Erziehungswesen aufzunehmen, auch mit der Universität Havanna. Volles Programm! Ich fing an, mich zurechtzufinden, fand im Telefonbuch die Anschrift des Gesundheitsministeriums, Salud Pública (im Verzeichnis stand es noch unter  „Salubridad“), und wir fuhren unangemeldet dorthin, Ecke Belascoain y Estrella. Bei dieser Gelegenheit (und später noch öfter) bewährte sich die Methode, einfach vor die Türe des Gewünschten zu fahren. Abgesandte aus den Gefilden hinter dem Eisernen Vorhang waren damals auch für kubanische Revolutionäre noch etwas Exotisches. In meinem Heimatland würde ich nicht gewagt haben, einen Minister zum Gespräch zu nötigen – da hatte ich solche bisher nur während meiner Oberschulzeit als Amateurfotograf aus der Nähe gesehen – den vom Verkehrswesen, Reingruber, und den Gesundheitsminister Luitpold Steidle. Freilich, vor dem Eingang des Ministeriums standen misstrauische und abweisende Militärposten, wir mussten endlos lange warten, doch ich erreichte, beim Minister vorgelassen zu werden. Und der holte gleich noch seinen Viceministro dazu. Minister war in diesen Tagen Dr. Machado Ventura, Stellvertreter Dr. Mario Escalona Regüeira. Es zeigte sich: Wir kamen wie gerufen. Der Bedarf des Ministeriums an Krankenhausausrüstungen, Spritzen und Kanülen,  medizinischen Verbrauchsmaterialien, an Untersuchungs-Mikroskopen und Laborgeräten war groß. Für meinen Begleiter Achim und mich war nicht zu erkennen, ob die beiden Minister unter irgendwelchen Budgetsorgen litten, anscheinend hatten sie alles Geld der Welt zur Verfügung und konnten mehr bezahlen, als wir zu liefern in der Lage waren.

 

Später las ich, dass nach der Einsetzung von Ernesto Guevara als Präsident der Nationalbank die revolutionäre Ökonomie auf zwei Prinzipien gegründet wurde: Geld drucken und Schulden anstehen lassen. Die Überzeugung breitete sich aus, Kuba werde  aus dem Außenhandel mit den sozialistischen Ländern unerschöpflichen Reichtum gewinnen. Der französische Marxist und Agrarfachmann René Dumont schreibt in seinen  Erinnerungen, dass überall im Lande ohne ausgereifte Pläne „darauflos gearbeitet“ wurde. Niemand habe von Geld gesprochen. Ein lokaler Direktor der INRA habe damit geprahlt, er müsse nur ein kleines Stück Papier unterzeichnen, wenn er irgendetwas brauche – eine Fabrik, einen Laden, Lebensmittel. Er führe keine Bücher, und niemals verlange man von ihm Quittungen. Dumont schreibt, er habe die elementaren Erfordernisse der Organisation, der Buchführung, Disziplin und Arbeit betont, aber keiner habe ihm zuhören wollen.

 

Als meine Gespräche mit dem Gesundheitsminister den Punkt erreichten, an dem es ans Bestellen ging, reichte es natürlich nicht, mir Zahlung zu versprechen oder Absichtserklärungen zu unterschreiben, davon werde ich noch berichten. Ich mahnte mich selbst, in allen Punkten sauber zu bleiben, Vertrauen nicht auszunutzen. Doch die aus Berlin mitgebrachten Lagerlisten versetzten mich in die Lage, einen Teil der gewünschten Geräte und Materialien zur sofortigen Lieferung zuzusagen. Mir ist in Erinnerung, dass wir damals einen großen Posten Mikroskope aus dem VEB Rathenower Optische Werke – dort war die Produktion zugunsten von Zeiss Jena ganz eingestellt worden -  im Bestand hatten. Der Minister sagte die sofortige Abnahme von 100 Stück zu, und diese 100 wären nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Na, dafür würden sie mir zuhause die Füße küssen. Vorsichtig war ich bei allen Geräten mit Heizung und Motoren. Hier war zu bedenken, dass das Netz in der DDR eine Spannung von  220 Volt/50  Hertz  abgab,  in  Kuba  aber  vorwiegend  110 Volt/60 Hertz anlagen.

 

Ein anderes Problem: Welche Preise sollte ich verlangen? Im allgemeinen hatten wir folgende Regel: Endkunden zahlten unsere Bruttopreise, Wiederverkäufer erhielten Rabatte, die     20, 25 oder auch 30 % betragen konnten. Die Gründe dafür waren einleuchtend: Bei Verkäufen an Endkunden hatten wir, das Außenhandels-unternehmen, die Hauptlast der Akquisition und des Verkaufs zu tragen, trugen in der Regel höhere Risiken und setzten geringere Stückzahlen ab. Doch galt das hier im revolutionären Kuba? Ich verkaufte an die Regierung: Kein Risiko. Ich verkaufte große Stückzahlen. Ich hatte keinen Aufwand für Werbung und nützliche Abgaben. Und mein Herz schlug für die Käufer. Ich verhielt mich nach der Ordnung und gewährte keine Rabatte. Der Händler ging mit mir durch. Später beruhigte ich mein Gewissen mit der Erkenntnis, dass selbst unsere Bruttopreise, am US-amerikanischen Preisniveau gemessen, das die Kubaner kannten, fair waren.

 

So wild es in Sachen Organisation und Rechnungswesen an der revolutionären Basis zugehen mochte: Im Banco para el Comercio Exterior herrschte alte Ordnung. Meine milchkaffeefarbene Sympathisantin Alfa P....... G..... verstand zwar von Außenhandel fast garnichts, aber die Bank hatte eine Rechts- und Vertragsabteilung, und jede von mir in den Ministerien entgegengenommene Bestellung wurde dort von einer Kampfgruppe erfahrener bürgerlicher Juristen in einen mehrseitigen wasserdichten Vertrag eingearbeitet. Es war mir ganz und gar unmöglich zu erkennen, welche Implikationen schon der Standardvertrag der „Bancex“ für Feinmechanik–Optik haben könnte. Es gab keine Erfahrungen. Selbst wenn mein Spanisch ausgereicht hätte, mir den Vertragstext übersetzen zu können, dann hatte ich ihn noch lange nicht verstanden, und Strittiges zu verhandeln, dazu hatte ich erst Recht keine Voraussetzungen. Ich musste mich entscheiden: Wollte ich Verträge unterschreiben oder nicht? Fragen konnte ich niemanden. Überseegespräche waren damals noch ein Abenteuer, wortreiche Telegramm- und Telexrückfragen unbezahlbar – und wer würde in Berlin überhaupt den Mut haben, einen von mir nach Gutdünken übertragenen Text schnell zu begutachten? Ich entschied mich: Augen zu. Unterschreiben. Die Bankjuristen unterschrieben selbst überhaupt nichts, die „inicialarten“ (paraphierten) nur, auf jeder Vorder- und Rückseite jeder Vertragsseite. Unterzeichnen durfte auf kubanischer Seite nur der Präsident der Bank, Alberto Mora,  und sein Erster Stellvertreter, Jacinto Torras. Nach kubanischer Ordnung waren alle Verträge von den Vertragspartnern in einer gemeinsamen Sitzung zu zeichnen. Ich konnte also nicht unterzeichnen und dann auf die Zweitunterschrift warten. Ich musste zum a c t o erscheinen, und bei der Überlastung der beiden Führungspersonen des Bancex hieß das, bis in die frühen Morgenstunden angezogen auf dem Bett zu liegen, bis der telefonische Abruf kam. Schon in der ersten „Unterzeichnungsnacht“ hatte ich das Erlebnis, im Vorraum des Präsidenten der Bank Ernesto „Che“ Guevara zu sehen – das sollte die einzige Begegnung nächster Nähe mit ihm in diesem Leben bleiben. Mein Zeichnungspartner war in allen Fällen der Vizepräsident Jacinto Torras de la Luz. Gleich beim ersten Vertrag beanstandete der vorlegende Jurist meine Unterschrift: „!Falta la rúbrica!“ Es dauerte eine Weile, bis ich begriff. In den Ländern des spanisch geprägten Rechts muss man bei offiziellen Unterschriften an den einfachen Namenszug noch einen „Zislaweng“ anhängen, ein paar Kurven und Schleifen, um die Unterschrift unverwechselbar und fälschungssicher zu machen. Die Kubaner hatten jeder ihre „Rúbrica“. Ich erfand eine, aber meine war nicht eingeübt und fiel auf jedem Vertrag anders aus. Doch das schien dem Bankjuristen nun wieder nicht wesentlich zu sein.

Als ich nach einigen Tagen einen kleinen Stapel Verkaufsverträge zusammenzählte, kam eine hübsche Summe heraus, und ich entschloss mich, meinem Generaldirektor in Berlin ein „ELT“, ein Auslands-Brieftelegramm, zu schicken. Am nächsten Tag fand ich im Schlüsselfach eine Antwort: „Gratuliere zu den Verkaufserfolgen. Sie erhalten eine Prämie von 500 DM *). Eine Prämie in derselben Höhe habe ich für Sie vorgesehen, wenn die Verträge realisiert sind. Deutsch“. War ich stolz! Einige Tage später lag eine noch viel schönere Nachricht im Fach. Doch davon später.

 

*) damals DM der Deutschen Notenbank