Nazifizierung und Entnazifizierung einer kleinen Stadt

Inhaltsverzeichnis · Leseprobe 

„Nazifizierung und Entnazifizierung einer kleinen Stadt“

 

Das Individuelle und das Örtliche sind T e i l e des Mosaiks, aus dessen Ansicht der dazu berufene Historiker das Wesen des Ganzen erkennt. Es war das Ziel des Autors, in diesem Buch mit größter Detailtreue, ja Detailversessenheit, das Geschehen der Jahre 1930 – 1950 und die handelnden Personen seiner Heimatstadt Vacha zu beschreiben, so genau wie möglich. Gleichwohl stellt er an den Anfang diese Erklärung:

„Nicht aus Bescheidenheit oder Schutzbedürfnis, sondern um es dem  Leser leichter zu machen, sich auf mich einzustellen, sage ich: Zum Historiker fehlen mir umfassende Erkenntnis, systematische Ausbildung und Berufung. Ich bin ein Heimatforscher, und natürlich weiß ich: Das Wesen des Nationalsozialismus und seine verbrecherische Herrschaft, die ganze Unmenschlichkeit und Dramatik der Unterdrückung Andersdenkender und die Vernichtung der Juden ist nicht aus seinen Erscheinungsformen in einer thüringischen Kleinstadt auf Deutschland „hochzurechnen“. Auch wenn sich der Nationalsozialismus in einer Kleinstadt als eine Bewegung der kleinen Bürger und Wenigbesitzer darstellte, war sie eine rechtsextreme Ausgeburt der bürgerlichen Eigentums- und Wirtschaftsordnung und die „Machtergreifung“ zunächst ein Komplott ultrakonservativer Großbürger. Der Saat der nationalsozialistischen Diktatur wuchs auf dem hässlichen Nährboden von Nationalismus und Antisemitismus, die sich schon seit Kaisers Zeiten in Deutschland in vielfältiger Weise ausgebildet hatten und Ziele bürgerlicher Parteien und Massenorganisationen waren.

Die verlogenen Scheinlösungen des Faschismus für die zugespitzten Klassengegensätze zu Beginn der (19)30er Jahre haben Klassen, Volksschichten, Berufsgruppen, Familien in unterschiedlicher Weise erfasst. Der Faschismus drang unterschiedlich tief in protestantische und katholische Lebenswelten ein. Die Beteiligung der Deutschen und ihre Mitverantwortung an der Exekution der nationalsozialistischen Irrlehren waren unterschiedlich. Die durch den Faschismus ausgelösten Katastrophen haben Menschen unterschiedlich mitgerissen und ihre Bereitschaft zu Schuldanerkenntnis und Reue unterschiedlich geformt.

Aber Dachau und Auschwitz waren überall in Deutschland, auch wenn man diese Stätten vom Kirchturm einer Kleinstadt an der Werra aus nicht sehen konnte.

Der Mord an zehntausenden politischer Gegner befleckte Deutschland überall, auch wenn eine thüringische Kleinstadt nach der Befreiung von 1945 keinen eigenen Märtyrer hatte, nach dem sie den Marktplatz hätte benennen können.

Die wissenschaftliche Leistung streitbarer Historiker – meine persönlichen Präferenzen für sie werden in diesem Buch zu erkennen sein – besteht darin, das Wesen, die Ganzheit des Phänomens auszudeuten, das schließt ein, den Blick über regionale und örtliche Sonderheiten hinwegzuheben.                    I c h war dazu nicht verpflichtet, mich trieb anderes an. Ich wollte verstehen, wie sich „Nazifizierung“ und Entnazifizierung im Mikrokosmos meiner engeren Heimat vollzogen haben. Obwohl ich schon immer an der Historie meines Rhöner Landes und meiner Heimatstadt interessiert war, lagen die Jahre von 1930 auf 1950 eigentlich bis heute auch für mich lange in dem Dunkel, in dem sie zwei Generationen der alten Vachaer liegen lassen wollten. Zum ersten Mal hat der Stadtchronist Günter Hermes um das Jahr 2000 in einer einfachen Zeittafel durch die kommentarlose Wiedergabe von Meldungen der lokalen „Rhönzeitung“ den Vorhang vor den Jahren 1930 bis 1941 zur Seite gerafft. Weitgehend im Dunkel blieben die Jahre der „Entnazifizierung“ 1945 bis 1948. Wenn auch die Archive der Stadt und des Wartburgkreises Wissenswertes enthalten mochten, keiner wollte bisher den Staub von den Dokumenten schütteln.

Ich selbst bin immer wieder und bis in die Jetztzeit auf eine eigenartige Scheu und Furcht meiner Mitbürger gestoßen, offen und unbefangen über jene Jahre zu reden und über die damals handelnden Menschen zu berichten.

Überheben will ich mich nicht, aber als fast Achtzigjähriger fühle ich mich frei zu bekennen: Wenn ich jetzt nicht schreibe, wird sich allein aus Altersgründen kein anderer mehr finden, der das Thema anzupacken weiß, der in jener Zeit selbst in Vacha gelebt hat, in dessen Kopf sich mit vielen, vielen alten Namen Gesichter und Stimmen verbinden, der in dem Sinne betroffen ist, dass die eigenen Eltern und Freunde der Familie in jener Zeit geirrt haben - und der ein gebranntes Kind ist, das weiß, wie sich ein gesellschaftlicher Systemwechsel anfühlt.“

Die heute lebenden Kinder und Enkel der Vachaer Eltern und Großeltern, die vor achtzig Jahren Hitler im Schwarm zuliefen, sollten nicht so sehr fürchten, deren Andenken und Familienerbgut könne in diesem Buch befleckt werden, sondern sich gegen die noch immer fruchtbaren Kräfte wehren, die damals die traditionellen Werte und Tugenden ihrer Vorfahren wegspülten.“

 

ISBN 978 - 3 - 00- 037565 - 1
Format A 5, Softcover, 580 Seiten
Preis gedruckte Ausgabe 24,99 €
zuzügl. Versandkosten
Erscheint in Kürze auch als eBook